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Islamismus

Islamismus ist ein im Westen geprägter Sammelbegriff mit unscharfen Konturen, weil er oft auf drei verschiedene Sachverhalte angewendet wird:
a) auf konservative, buchstabengetreue Interpretationen des Korans,
b) auf Reformbewegungen, die eine Rückbesinnung auf die Werte der islamischen Gründerväter («Salafiyya») fordern,
c) auf moderne militante Ideologien, welche im Namen des Islams Gewalt bis zum Terror propagieren, um den Westen und die angeblich dem Westen hörigen Regime islamischer Staaten zu bekämpfen («Jihadisten»).

Der Koran ist für Muslime die von Gott auf Arabisch offenbarte Botschaft an die Menschen, deshalb ist eine wortgetreue Auslegung seiner Texte in der islamischen Welt allgemein verbreitet. Was innerhalb der christlichen Konfessionen als «Fundamentalismus» gilt, ist also im Islam der Regelfall. Dennoch gibt es auch innerhalb des islamischen Traditionalismus engere Auslegungen, die ein besonders konservatives Welt- und Gesellschaftsbild zu erhalten versuchen. Diese von aussen (besonders von Nichtmuslimen) als rückständig und isolationistisch beurteilte Haltungen werden zuweilen als Islamismus bezeichnet.

Die Endung «-ismus» verweist im politischen Sprachgebrauch häufig auf eine Ideologie. So gesehen würde sich Islamismus am ehesten als Bezeichnung für die islamischen Reformbewegungen anbieten, die ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert haben und bis heute fortwirken. Die militärisch-technologische Überlegenheit der westlichen Kolonialmächte hat islamische Theoretiker im 19. Jahrhundert (Afghani, Abduh und Rida) zur Überzeugung geführt, dass nur ein reformierter Islam die Übermacht der westlichen Zivilisation bekämpfen könne. Daraus entstand die politisch-religiöse Bewegung der «Salafiyya», die eine Rückbesinnung auf die Werte der Vorväter («as-salaf as-salih») forderte. Obwohl die «Salafiyya» sich auf einen Ur-Islam zur Zeit Mohammeds und seiner ersten vier Nachfolger beriefen, war die Bewegung vorwärtsgewandt und wollte die alten Werte des Islams mit den neuen Errungenschaften der Moderne verbinden.

Im 20. Jahrhundert formulierten islamische Denker wie Hassan al-Banna (der Gründer der ägyptischen Muslimbrüder) und Sayyed Qutb radikalere politische Ideologien, welche Gewalt und Umsturz im Namen des Islams rechtfertigten. Die revolutionären Untergrundbewegungen richteten sich in erster Linie gegen die autoritären Regime der islamischen Staaten. Die Rebellen warfen den Regierungen Verrat am Islam und Komplizenschaft mit den kolonialistischen Mächten des Westens vor. Der Aufstand wurde zur politisch-religiösen Pflicht erklärt, der Kampf zur Verteidigung des Glaubens («Jihad») gegen die Herrschaft der Ungläubigen. Da europäische Staaten und besonders die USA regelmässig militärisch im Nahen und Mittleren Osten eingriffen, wurden auch sie von den Jihadisten zu Feinden des Islams erklärt. Das besonders militante Netzwerk der al-Qaida ist nicht in erster Linie aus einer religiösen Bewegung entstanden, sondern es versteht sich – bei aller islamischen Rhetorik – primär als antikoloniale, übernationale Befreiungsbewegung der islamischen Völker.

Siehe auch den Eintrag Jihad

© GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, 2010

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