GRA-Glossar

Bildung

Orthodox

Das Wort orthodox stammt aus dem Griechischen und ist eine Zusammensetzung von «orthós» (= gerade, aufrecht, richtig) und «dóxa» (= Meinung, Glaube, Lehre). Orthodox ist eine Selbstbezeichnung für strenggläubige Juden.

Im christlichen Kontext bezeichnet orthodox die Zugehörigkeit zu einer Kirche des byzantinischen Ritus. Im islamischen Kontext wird der Begriff nicht verwendet.

Das heutige religiöse Judentum kennt drei grosse Strömungen: das orthodoxe, das konservative und das liberale Judentum. Für das orthodoxe Judentum hat die strikte Einhaltung der religiösen Pflichten und Gebote oberste Priorität. Die schriftliche und mündliche Lehre («Thora») sowie das daraus folgende Religionsgesetz («Halacha») gelten als göttliche Offenbarung und dürfen in keiner Weise verändert werden. Während Liberale und Konservative Rabbinerinnen kennen und Frauen in ihren Gottesdiensten gleichberechtigt sind, ist das in orthodoxen Gemeinden undenkbar. Hier sind nur Männer aktiv am Gottesdienst beteiligt und religiöse Funktionen sind ihnen vorbehalten. Für orthodoxe Juden gelten gemäss Halacha nur jene Personen als jüdisch, die von einer jüdischen Mutter abstammen oder nach orthodoxen Regeln zum Judentum übergetreten sind. Liberale anerkennen auch Kinder eines jüdischen Vaters und einer nichtjüdischen Mutter als Juden.

Als eigenständiges Phänomen entstand das orthodoxe Judentum als Antwort auf das Reformjudentum Anfang des 19. Jahrhunderts, vor allem in Deutschland und Ungarn. Bis zur Moderne spielte sich das religiöse Leben der Juden in engen Grenzen ab. In den Ghettos und den Schtetl war die soziale Kontrolle gross und die Befolgung der religiösen Gesetze die Regel. Mit dem Eintritt der Juden in die nichtjüdische Gesellschaft begannen Prozesse der Säkularisierung und der Liberalisierung. Im 19. Jahrhundert initiierten viele Gemeinden in Deutschland Reformen in den Synagogen und Gottesdiensten: sie bauten eine Orgel ein, veränderten die traditionelle Liturgie und verwendeten die Landessprache im Gottesdienst. Als Reaktion darauf organisierten sich strenggläubige Juden in der Orthodoxie. Es gab drei Strömungen: die «Neo-Orthodoxie» spaltete sich von den Einheitsgemeinden ab und bildete sogenannte Austrittsgemeinden. Für andere war die Einheit des Judentums wichtiger; sie führten eigene Gottesdienste unter dem Dach der Einheitsgemeinden durch («Gemeindeorthodoxie»). Die Ultra-Orthodoxie entstand vor allem in Ungarn; sie spaltete sich nicht bloss von den bestehenden Gemeinden ab, sondern wandte sich auch gegen die Öffnung zur bürgerlichen Gesellschaft, welche die Neo-Orthodoxen vollzogen.

Geistiger Mentor der Neo-Orthodoxie in Deutschland war Samson Raphael Hirsch, Rabbiner der Austrittsgemeinde in Frankfurt am Main. Die Neo-Orthodoxie verband strikte religiöse Praxis mit einer gewissen Offenheit gegenüber der bildungsbürgerlichen Kultur: Sie akzeptierte Deutsch als Kultursprache, die Erziehung in weltlichen Dingen und eine Anpassung ihres Äusseren an die nichtjüdische Umwelt (Abschneiden der Schläfenlocken, Rasur, bürgerliche Kleidung). Sie blieb aber strikt gegen jegliche Zusammenarbeit mit dem Reformjudentum und mit säkularen Juden. (In diesem Zusammenhang ist die Weigerung einiger orthodoxer Gemeinden zu sehen, die liberalen Gemeinden der Schweiz in den Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund SIG aufzunehmen).

1916 wurde in Kattowitz die «Agudas Yisroel» als weltweite Organisation der orthodoxen Juden gegründet.

Siehe auch die Einträge ultraorthodox, Ghetto, Jude/Jüdin, Jüdische Schweizer, Liberales Judentum, Schtetl und Thora

© GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, 2010

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