GRA-Glossar

Bildung

Schtetl

Schtetl ist die Verkleinerungsform von Schtot (Jiddisch für Stadt). So nannten Juden die osteuropäischen Kleinstädte und Dörfer, zuweilen auch Stadtviertel mit einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit. Das Schtetl war kein von der Obrigkeit zugewiesener und aufgezwungener «Judenbezirk», sondern ein selbst gewählter Ort, an dem sich jüdisches Leben frei und selbstbewusst entwickelte.

Das Phänom der Schtetlach (jiddische Pluralform von Schtetl) bildete sich im 16. Jahrhundert im Königreich Polen-Litauen, als polnische Adlige viele Juden mit günstigen Bedingungen als Verwalter und Pächter in ihre «privaten Städte» im Osten des Grossreiches anwarben. In vielen dieser Orte waren Juden bald in der Mehrheit. Nach den Teilungen Polens Ende des 18. Jahrhunderts lagen die meisten Schtetlach im Russischen Reich und in Österreich-Ungarn (hier vor allem in Galizien). Das Siedlungsrecht der Juden im Russischen Reich wurde auf den sogenannten «Ansiedlungsrayon» an der Westgrenze des Zarenreiches beschränkt.

Schtetlach hatten eine jüdische Selbstverwaltung und eine Infrastruktur, die das religiöse und wirtschaftliche Leben der jüdischen Bevölkerung regelte: Bethaus oder Synagoge, Marktplatz und Gasse, rituelles Bad und Schule waren zentrale Begegnungsorte der jüdischen Gemeinschaft. Umgangssprache im Schtetl war Jiddisch. Die jüdische Mehrheit und die christliche Minderheit verkehrten gesellschaftlich meist nicht miteinander – wirtschaftliche Beziehungen und nachbarschaftliche Kontakte gab es jedoch oft.

In den meisten Schtetlach herrschte grosse Armut. Viele Tagelöhner, Handwerker und Kleinhändler konnten sich und ihre meist zahlreichen Kinder nur mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser halten. Die ärmsten der Armen wurden in Jiddisch «Luftmenschen» genannt, weil sie ohne Einkommen – und oft auch ohne den praktischen Sinn fürs Berufsleben – von «Luft» lebten. Trotz grosser Armut trat die jüdische Bevölkerungsmehrheit der Schtetl selbstbewusst auf – die traditionellen Werte der Frömmigkeit, Gelehrtheit und Wohltätigkeit waren hoch geachtet und verschafften soziales Ansehen. Die Juden und Jüdinnen des Schtetl verband eine grundsätzliche Solidarität gegen Angriffe von aussen – gegen Versuche des Staates, in die Selbstverwaltung des Schtetl einzugreifen und gegen judenfeindliche Übergriffe, die oft von der Kirche geschürt wurden. Das Leben im Schtetl war von Tradition und Religion geprägt und die soziale Kontrolle war hoch. Die innere Solidarität wurde im 19. und 20. Jahrhundert durch religiöse Differenzen, die jüdische Aufklärung («Haskala»), den Sozialismus, Kommunismus und Zionismus zunehmend Zerreissproben ausgesetzt: Traditionalisten und Aufklärer, Assimilierte und Chassidim, Sozialisten und Zionisten verschiedenster Ausprägung standen oft im Konflikt miteinander.

Mit dem Massenmord an den europäischen Juden und Jüdinnen in den Vernichtungslagern der Nazis ging die traditionelle Welt der osteuropäischen Juden unter. In der Erinnerung werden die Schtetlach als Ort authentischen jüdischen Lebens oft nostalgisch verklärt.

Siehe auch den Eintrag Ghetto

© GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, 2010

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