GRA-Glossar

Bildung

Jihad

Jihad wird oft mit «Heiliger Krieg» übersetzt, einem christlichen Begriff aus der Zeit der Kreuzzüge. Jihad heisst aber auf Arabisch «Anstrengung, Bemühen» und meint zunächst das individuelle Ringen eines Muslims um eine gottgefällige Lebensweise (grosser Jihad). Dazu kann auch die bewaffnete Verteidigung des Glaubens gegen Angreifer gehören (kleiner Jihad). In den letzten Jahrzehnten nannten vor allem politische muslimische Widerstandsgruppen bis hin zu Terrororganisationen ihre Guerillakriege gegen einheimische Regime und ihre antiwestlichen Anschläge Jihad.

Das Wort Jihad (ausgesprochen Dschihâd) kommt vom arabischen Verb «jâhada», das «sich bemühen», «streben nach», «ringen um» bedeutet. Es meint die individuelle Pflicht jedes Muslims, sein Leben nach den Regeln des Islam auszurichten. Die klassische islamische Theorie unterscheidet den geistigen (oder grossen) und den körperlichen (oder kleinen) Jihad. Ein Ausspruch (Hadith) des Propheten Mohammed lautet: «Der grösste Jihad ist ein Wort der Wahrheit, gesprochen zu einem Tyrannen.»

Der körperliche oder kleine Jihad ist die Verteidigung des Glaubens gegen Angreifer – seien es äussere oder innere Feinde. Bereits im Koran erscheint das Word Jihad im Zusammenhang mit den Kämpfen von Mohammed und seinen Anhängern, die sich gegen die Angriffe der polytheistischen arabischen Stämme von Mekka verteidigen mussten. Nach dem Sieg der Muslime auf der arabischen Halbinsel wurde Jihad auch für die Feldzüge gebraucht, mit denen die Muslime ihre politische und soziale Herrschaft nach Westen und Osten ausdehnten. Der Begriff «Heiliger Krieg» hingegen wurde – nach Vorläufern in der Antike – von Christen ab dem 9. Jahrhundert im Kampf gegen heidnische Barbaren geprägt. Papst Urban II. rief 1095 zum ersten Kreuzzug und der Rückeroberung von Jerusalem auf. Unter dem Motto «Deus lo vult!» («Gott will es!») zogen die Kreuzritter in den Krieg. Ihre Gegner – die Muslime – betrachteten die Verteidigung des Landes als Jihad. Ähnlich wie die Christen versprachen auch die Muslime einem als Märtyrer (Shahid) gefallenen Glaubenskämpfer paradiesische Belohnungen im Jenseits. Zum Jihad als Verteidigungskrieg durften nur die legitimierten Führer der Gläubigen aufrufen, und es gab schon früh Kriegsregeln, die das Ausmass der Gewalt im Jihad begrenzten.

Im 19. Jahrhundert beschäftigten sich islamische Denker vor allem im indisch-pakistanischen Raum mit der Frage, ob der Kampf gegen die britischen Kolonialherren als Jihad zu verstehen sei. Nein, sagten wichtige Religionsgelehrte, so lange die Kolonialmacht die Religion der Muslime nicht behindere, gebe es keine Grundlage für einen Jihad. Jihad wird dagegen bis heute für den Einsatz zur Verwirklichung höherer Werte gebraucht: etwa beim «Jihad gegen den Analphabetismus».

Im 20. Jahrhundert radikalisierte sich ein Teil der muslimischen Theoretiker (wie der 1966 hingerichtete Ägypter Sayyid Qutb). Sie erklärten die Herrscher der nahöstlichen Staaten als Glaubenabtrünnige, gegen die ein wahrer Muslim den Jihad führen müsse. So entstanden in vielen Ländern von Algerien bis Afghanistan Guerillabewegungen, die zum Teil den Begriff Jihad im Namen trugen. Die USA unterstützten ab 1979 in Afghanistan Mujahidîn («Jihad-Kämpfer») gegen die sowjetischen Besatzer. Einer der Organisatoren dieses Widerstandskrieges war Osama Bin Laden, Mitbegründer des Terrornetzwerks al-Qaida («Basis»). Er globalisierte die Ideologie des Jihads. Dennoch sind die meisten Jihad-Kämpfer – so grausam ihre Methoden auch sein mögen – Nationalisten, die ihren Krieg als nationalen, islamischen Befreiungskampf sehen und nicht als islamische Weltrevolution.

Siehe auch die Einträge Islamismus, Islam, Muslime und Koran

© GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, 2010

 Begriff drucken
 
 

Fotogalerie

diskriminierung1.jpg