GRA-Glossar
Bildung
Ultraorthodox
Ultraorthodox ist die (Fremd-) Bezeichnung für orthodoxe Juden, die sich von den Einflüssen der Moderne und der nichtjüdischen kulturellen Umwelt möglichst abschotten.
Das Wort orthodox stammt aus dem Griechischen und ist eine Zusammensetzung von «orthós» (= gerade, aufrecht, richtig) und «dóxa» (= Meinung, Glaube, Lehre). Die Vorsilbe ultra stammt aus dem Lateinischen. Sie bedeutet wörtlich «jenseits, darüber hinaus» und wird seit Beginn des 19. Jahrhunderts im politischen Diskurs im Sinne von «sehr» oder «extrem» verwendet. Die Selbstbezeichnung der ultraorthodoxen Gemeinschaften in Israel ist «Charedim» (Hebräisch: Gottesfürchtige, wörtlich: Zitternde).
Historisch entstand die jüdische Ultraorthodoxie Mitte des 19. Jahrhunderts in Ungarn. Hier trafen damals unterschiedliche religiöse Strömungen aufeinander: das entstehende Reformjudentum, die moderne Orthodoxie und traditionelle, strikt konservative orthodoxe Kreise, die später Ultraorthodoxie genannt wurden. Während sich die Neo-Orthodoxie gegen das wachsende Reformjudentum (liberales Judentum) abgrenzte, distanzierte sich die Ultraorthodoxie ihrerseits von der Neo-Orthodoxie. Letztere folgte zwar streng dem jüdischen Religionsgesetz, glich sich aber in kulturellen Belangen der nichtjüdischen Umwelt an. Die ultraorthodoxen Rabbiner wandten sich hingegen gegen weltliche Erziehung in den Schulen, gegen die Verwendung der Landessprache und gegen die Übernahme bürgerlicher Kultur und Kleidung. Alltagssprache blieb Jiddisch und die vor-modernen Kleidernormen wurden beibehalten.
Im Bestreben, das durch die Säkularisierung bedrohte religiöse Judentum zu schützen, verkündeten sie immer strengere Lehrmeinungen und errichteten ein fundamentalistisches Gedankengebäude. In diesem Sinne entfernten sie sich eigentlich von der Tradition des rabbinischen Judentums, in dem kontroverse Debatten geführt wurden und unterschiedliche Interpretationen parallel Geltung haben konnten.
Heute wird der Begriff ultraorthodox weiter gefasst und für all jene orthodoxen Juden und Jüdinnen verwendet, die in geschlossenen, konservativen Gemeinschaften mit strengen Regeln und Geschlechtertrennung leben. Grosse ultraorthodoxe Zentren gibt es heute in Israel und in den USA, insbesondere in New York. Etwa 10 Prozent der jüdisch-israelischen Bevölkerung ist ultraorthodox. Die Umgangssprache der aschkenasischen Ultraorthodoxen in Israel ist Jiddisch und Hebräisch, jene der Sephardim/Misrachim Hebräisch. Viele ultraorthodoxe Männer sind nicht berufstätig, sondern studieren ein Leben lang die Thora und den Talmud auf speziellen Hochschulen für verheiratete Männer («Kolel»). Ihre Familien werden durch Spenden und in Israel auch durch die öffentliche Hand unterstützt. Die Ultraorthodoxen in Israel sind vom Militärdienst befreit. Sie betreiben ein autonomes Schulsystem, das vom Staat subventioniert aber nicht kontrolliert wird. Im israelischen Parlament werden die ultraorthodoxen Bürgerinnen und Bürger von eigenen Parteien vertreten: die Aschkenasim durch die Partei «United Tora Judaism» und die Sephardim/Misrachim durch «Shas».
In der Schweiz leben einige Hundert ultraorthodoxe Juden und Jüdinnen, die aufgrund ihrer Kleidernormen äusserlich erkennbar sind.
Siehe auch die Begriffe orthodox, Liberales Judentum, Aschkenasim, Sephardim, Misrachim und Thora
© GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, 2010
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