GRA-Glossar

Bildung

Die Idee zum Glossar

Gross war mein Erstaunen, als ich am 27. Juni 2004 in der NZZ am Sonntag die prominente Schlagzeile las: „Sonderbehandlung für die Deutschen“. Der Beitrag bezog sich auf den Schweizer Flugstreit mit Deutschland; in Kenntnis darum, dass „Sonderbehandlung“ der von den Nazis verwendete Tarnbegriff für die Anordnung zum Töten war, irritierte mich diese Anwendung des sonst ganz gewöhnlichen Wortes „Sonderbehandlung“. Ich nahm Kontakt auf mit Dr. Hugo Bütler, dem damaligen Chefredaktor der NZZ, der die sicher unabsichtliche, aber hier störende Verwendung des historisch sehr belasteten Begriffes mit mir teilte. Es gibt recht viele gewöhnliche Wörter, die Menschen durch schlimme Ereignisse aufwühlen oder gar verletzen können. Viele junge, auch gut ausgebildete Personen sind sich teilweise der Last, die ein Wort auf sich tragen kann, nicht bewusst. Ausserdem kann ein unüberlegter Sprachgebrauch für Betroffene gravierende Folgen haben. Die Geschichte hat wiederholt vor Augen geführt, dass auch Worte, wenn gezielt eingesetzt, töten können. Mir wurde bewusst, dass ein kompaktes, aber dennoch inhaltlich fundiertes Nachschlagewerk fehlte, in dem sich Medienschaffende, Schüler und Studierende, aber auch Politiker und historisch Interessierte über belastete (oder vermeintlich belastete) Begriffe informieren können. Vor Jahren erstaunte und belehrte mich das Buch „Die Intellektuellen: Geschichte eines Schimpfwortes“ (Stuttgart: Klett-Cotta, 1978), dass ein einzelnes Wort – wie „die Intellektuellen“ – während Jahrhunderten für politische Hetze eingesetzt worden war und Stoff für ein ganzes Buch zur Beschreibung der Belastung dieses „Schimpfwortes“ hergegeben hat. In neuerer Zeit hat das Wort „die Professoren“ in einer abschätzigen Form durch die SVP die Geschichte des Schimpfwortes „die Intellektuellen“ wieder aufgenommen.

Ich entwarf ein Konzept und listete vorläufig 120 Begriffe auf, die mir untersuchungswürdig erschienen. Mir war sehr wichtig, dass kein Verzeichnis von „verbotenen“ Wörtern, sondern ein Werk zum einfachen Nachlesen über den Hintergrund gewisser Wörter entstehen würde. Wer dann, in Kenntnis der Historie, welches Wort in welchem Zusammenhang verwendet, bleibt natürlich jedem selbst überlassen. Mir war die Absicherung durch Fachleute und die Auswahl der Personen, die recherchierten und die Texte verfassten, sehr wichtig. Die Arbeit, das GRA-Glossar Wirklichkeit werden zu lassen, nahm deshalb mehrere Jahre in Anspruch.

An dieser Stelle möchte ich meinen tiefen Dank an den Medienexperten Prof. Dr. Kurt Imhof von der Universität Zürich aussprechen, der zu Beginn des Projekts mit seinen wertvollen Inputs wichtige Bahnen zu legen half.  Dr. Erik Petry von der Universität Basel fand die Idee sinnvoll und willigte zu einer Zusammenarbeit ein, und in der Folge begannen mehrere Studierende und Doktorierende (Julie Bessermann, Stefanie Mahrer, Hayhat Marty-El-Bokeili, Aline Masé, Nathalie Manac’he, Kathrin Pavic, Judith Sibold, Sonja Weinberg, Benedikt Wyss) mit dem Recherchieren und Erstellen von ersten Glossar-Begriffen. Die GRA sah in den darauf entstandenen, gut recherchierten, aber komplex wissenschaftlich formulierten Texten die Basis, durch Vereinfachung der Sprache die Begriffe lesefreundlicher zu gestalten. Mit dem klaren Auftrag, das GRA-Glossar nicht nur inhaltlich einwandfrei, sondern auch mit der gebotenen Kürze treffend zu formulieren, machten sich fortan der Jurist und langjährige Redaktor des Tages-Anzeigers, Daniel Suter, und die Historikerin Shelley Berlowitz ans Werk. Für ihre grossartige Arbeit, welche das GRA-Glossar in seiner jetzigen Form ermöglicht, gebührt ihnen mein herzlicher Dank und aufrichtige Anerkennung. Vor Veröffentlichung werden die Texte seitens GRA und gegebenenfalls von weiteren Fachleuten kritisch gegengelesen.

Die öffentliche Aufnahme des Glossars und viele positive Zuschriften und Anregungen zu weiteren Begriffen aus der Bevölkerung sind Anlass zu grosser Freude. Tages-Anzeiger und NZZ sind nur einige der Medien, welche sehr anerkennend zur Qualität des GRA-Glossars berichtet und die Benutzung empfohlen haben. Die Möglichkeit, online Vorschläge für die Definition neuer Begriffe einzureichen, wird rege genutzt. Wir setzen uns dafür ein, dass das GRA-Glossar in den Unterricht an Schulen sowie bei der Ausbildung von Medienschaffenden eingesetzt wird. Die vom GRA-Glossar beabsichtigte Sensibilisierung soll nicht zuletzt dazu beitragen, unabsichtlich verursachte Verletzungen und irreführende Anwendungen von Worten zu vermeiden.

Weitere Reaktionen und Ideen nehmen wir jederzeit dankend entgegen.

Dr. Ronnie Bernheim
Präsident GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus
Zürich, 8. Juni 2010

 
 

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