Rothschild

Der Name Rotschild geht zurück auf eine deutsch-jüdische Familie, die vordergründig als Bankiers und Investmentbanker:innen bekannt wurde. Im 19. Jahrhundert zählte die Familie zu den einflussreichsten und bedeutendsten Finanziers europäischer Staaten. Heute steht der Name Rothschild oftmals als Code für eine vermeintliche jüdische Allmacht über das weltweite Finanzwesen.

Vor dem Jahr 1807 war es für Frankfurter Jud:innen nicht zwingend einen beständigen Nachnamen zu tragen. Unter den Bewohner:innen der Judengasse war es beliebt die Hausnamen ihrer Wohnsitze zu verwenden. So leitet sich der Familienname Rothschild von der Bezeichnung des Hauses «Zum Roten Schild» ab, in der die Familie eine Zeit lang im 17. Jahrhundert gelebt hatte.

Mayer Amschel Rothschild, der Gründer der berühmten Firma, wuchs in der Frankfurter Judengasse in bescheidenen Verhältnissen auf. Nach dem frühen Tod seiner Eltern wird Mayer Amschel Rothschild nach Hannover geschickt, wo er 1757 eine Lehre im Bank- und Handelshaus Oppenheim beginnt. Hier erlernt er die Grundlagen des Finanzwesens. 1769 wird Mayer Amschel Rothschild, der zum damaligen Zeitpunkt Münzhändler war, zum Hoflieferanten von Hessen-Hanau ernannt. Von dieser Position aus entwickelt er sein Handelsunternehmen weiter und gründet 1810 seine Bank. Im 19. Jahrhundert erlangte die Familie Rothschild hohes Ansehen und zählte schliesslich zu den bedeutendsten und einflussreichsten Finanziers für die europäischen Staaten.

Der Einfluss und Status der Familie Rothschild brachte früh auch negative Seiten mit sich. Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Familie öffentlichen Anfeindungen ausgesetzt. Eine der ersten öffentlichen Angriffe auf die Familie Rothschild findet sich in der Erzählung «Das Haus Nucingen» von 1838. In der frei erfundenen Erzählung deformiert Honoré de Balzac James de Rothschild als einen habgierigen und rücksichtslosen Bankier, der seinen Reichtum durch betrügerische Bankrotte erwirbt. Diese erfundene Geschichte wurde einige Jahre darauf von Georges Dairnvaell in seinem Pamphlet «Die erbauliche und kuriose Geschichte von Rothschild I., König der Juden» erneut in Umlauf gebracht. Die Erzählung diente zur Zeit des Nationalsozialismus als Basis für den Propaganda-Film «Die Rothschilds», wodurch die erfundene Geschichte Balzacs ein weiteres Mal in der Öffentlichkeit verbreitet wurde.

Der Familie Rothschild wird seither immer wieder unterstellt, sie sei Teil oder sogar Anführerin der Illuminati– oder der Freimaurer-Verschwörung (Siehe Artikel: «Illuminati» und «Freimaurer»). Sogar im Zusammenhang mit den Anschlägen des 11. September 2001 werden Verschwörungsmythen gesponnen, in denen «die Rothschilds» als die geheime Macht genannt werden, die hinter den Anschlägen stecke.

Zahlreiche wissenschaftliche Publikation zeichnen den Werdegang der Familie Rothschild nach und zeigen auf, dass auch diese Familie von den politischen und gesellschaftlichen Ereignissen beeinflusst wurde. Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verlor die Familie Rothschild ihre Monopolstellung als Bankiers und erlangte diese seither nicht wieder, auch wenn die Familie nach wie vor sehr erfolgreich und bekannt ist. Der Irrglaube, die Familie Rothschild würde nach der Allmacht des weltweiten Finanzwesens streben, fusst auf einer frei erfundenen antisemitischen Erzählung, die immer wieder im Verlauf der Geschichte aufgegriffen wurde. Wissenschaftliche Belege gibt es, für diese Theorien nicht, im Gegenteil widersprechen wissenschaftliche Arbeiten den Verschwörungsmythen.

© GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, 2021, unter Mitarbeit von Dr. phil. Darja Pisetzki, ehem. Projektmitarbeiterin der GRA und Sonja Thäder, Jüdisches Museum Frankfurt.

Weiterführende Literaturhinweise:

Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 3: Begriffe, Ideologien, Theorien. De Gruyter Saur, Berlin 2008.

Daniel Pipes: Verschwörung. Faszination und Macht des Geheimen, Gerling Akademie Verlag München 1998.

Tobias Jäcker: Antisemitische Verschwörungstheorien nach dem 11. September. Neue Varianten eines alten Deutungsmusters, LIT Verlag, 4. Aufl., Münster 2009.

Sam N. Lehman-Wilzig: The House of Rothschild: Prototype of the Transnational Organization, erschienen in: Jewish Social Studies, Summer – Autumn, 1978, Vol. 40, No. 3/4 (Summer – Autumn, 1978), pp. 251-270.

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Der neuste Bericht der GRA und GMS zum Jahr 2023 ist da.

Aufgrund der Ausweitung der Diskriminierungsstrafnorm Art. 261bis des Strafgesetzbuches (StGB) in den letzten Jahrzehnten, auch im Hinblick auf Diskriminierungen aufgrund der sexuellen Orientierung, wurde der Bericht umbenannt und heisst nunmehr „Diskriminierungsbericht“ anstelle von „Rassismusbericht“.

Die umfassende Analyse der jährlichen Diskriminierungsfälle in der Schweiz 2023 zeigt einen sprunghaften Anstieg der antisemitischen Vorfälle nach dem Angriff der Hamas und dem nachfolgenden Krieg in Gaza. Damit einher geht eine zunehmende Sichtbarkeit von allgemein diskriminierenden Taten und Hassreden. Die insgesamt 98 registrierten Vorfälle im Jahr 2023 stellen eine Zunahme um mehr als die Hälfte im Vergleich zum Vorjahr dar.

Was für Schlüsse daraus zu ziehen sind und welche Konzepte im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus helfen können sind im vollständigen Bericht inklusive Interview mit Hannan Salamat vom Zürcher Institut für interreligiösen Dialog (ZIID) und der dazugehörigen Medienmitteilung zu finden.

 

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Medienmitteilung Diskriminierungsbericht 2023

 

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