Interview mit Dr. Vera Rottenberg
08.12.2017

von Maike Trenner

 

Ihre Familie hat das Thema Antisemitismus und Verfolgung während der Nazizeit hautnah erlebt, Sie sind 1944 als Kleinkind mit Ihrer Mutter und Ihrer Schwester aus Budapest in die Schweiz geflüchtet. Inwieweit war diese Erfahrung ein Beweggrund, sich im GRA Stiftungsrat zu engagieren?

Dass ich als jüdisches Kind überlebe, war tatsächlich nicht vorgesehen. Wir hatten das Glück, dass meine Mutter bei ihrer Heirat mit einem ungarischen Staatsbürger Schweizerin war. Ihr Bürgerrecht hat sie allerdings durch diese Heirat verloren. Dennoch bewirkte der damals in Budapest tätige schweizerische Gesandtschaftssekretär Harald Feller, dass wir zusammen mit einigen anderen Frauen, die ebenfalls ihr Schweizer Bürgerrecht eingebüsst hatten, die Erlaubnis erhielten, in die Schweiz einzureisen. So kam es, dass ich meine Kindheit in St. Gallen verbrachte, wobei das Emigrantenschicksal allgegenwärtig war. Begriffe wie «vergast, verschleppt, Konzentrationslager» gehörten zu den ersten Wörtern, die ich gelernt habe. Diese Zeit hat mich unwiderruflich geprägt. So war für mich eine Ablehnung keine Option, als mich Ronnie Bernheim nach meiner Pensionierung anfragte, ob ich in der Stiftung GRA mitarbeiten würde. Die Gräueltaten des zweiten Weltkriegs dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Rassismus und Antisemitismus muss in jeglicher Ausprägung klar gebrandmarkt bleiben.

Warum braucht es aus Ihrer Sicht die GRA Stiftung?

Weil die Menschen nie lernen. Das Thema Antisemitismus und Rassismus ist leider immer noch hochaktuell. Es verschiebt sich zwar ein bisschen geografisch. Das Grundproblem jedoch, die Angst vor dem Fremden, bleibt. Die GRA Stiftung muss daher Aufklärungsarbeit betreiben und somit versuchen diese Angst aus den Köpfen der Menschen zu vertreiben.

Wie beurteilen Sie das Thema Antisemitismus und Rassismus heute, in der Schweiz aber auch darüber hinaus?

Mit zunehmendem zeitlichem Abstand der Holocaust Ereignisse verflacht die Erinnerung daran. Viele junge Leute kennen die Problematik nur noch als Mythos. Sie machen sich keine Gedanken darüber, was «Hassrede» bedeutet und auslösen kann. Bewusstsein dafür zu schaffen, ist daher eine Aufgabe der GRA Stiftung.

Welchen Beitrag kann der moderne Rechtsstaat leisten, um Rassismus und Antisemitismus erfolgreich zu verhindern? Wie schätzen Sie die aktuelle Rechtsprechung diesbezüglich ein?

Indem der Rechtsstaat klare Zeichen setzt, wie zum Beispiel mit der «Rassismusstrafnorm» und der Schaffung der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus. Soweit ich das überblicke, kann ich in den meisten Fällen die Rechtsprechung nachvollziehen, auch wenn ich manchmal anders entschieden hätte.

Was denken Sie, könnten die Gründe dafür sein, dass heute wieder so viele populistische, ja in gewissen Ländern gar rechtsextreme Parteien, eine hohe Zustimmung bei den Wählerinnen und Wählern bekommen?

Die Mechanismen bleiben immer die gleichen. Die Angst, selber zu kurz zu kommen, treibt viele in die Arme dieser Parteien, welche es verstehen und darauf absehen, einfache Rezepte zu verbreiten, etwa im Sinne «weniger Flüchtlinge – mehr Jobs und Wohnungen». Die erfolgreich geschürte Furcht setzt sich in den Köpfen mancher Menschen und führt bei Wahlen zu Rekordzahlen für die rechten Parteien.

Welche Bereiche oder Projekte innerhalb der GRA Stiftung liegen Ihnen besonders am Herzen? Wie bringen Sie sich ein?

Primär die Bereiche, in denen ich mit meinem Fachwissen nützliche Beiträge leisten kann, so etwa bei Unklarheiten bezüglich Rechtsfragen der GRA Stiftung oder bei der Formulierung rechtlicher Stellungnahmen. Ausserdem bin ich die Älteste im Stiftungsrat und kann somit in manchen Angelegenheiten durch meine Lebenserfahrung helfen, Probleme zu lösen.

Liebe Frau Rottenberg, ich danke Ihnen für das Gespräch.

 

Frau Dr. Vera Rottenberg, Bundesrichterin bis Ende 2012, ist seit 2014 als Stiftungsrätin bei der GRA tätig.

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10.04.2024

Diskriminierungsbericht 2023

Der neuste Bericht der GRA und GMS zum Jahr 2023 ist da.

Aufgrund der Ausweitung der Diskriminierungsstrafnorm Art. 261bis des Strafgesetzbuches (StGB) in den letzten Jahrzehnten, auch im Hinblick auf Diskriminierungen aufgrund der sexuellen Orientierung, wurde der Bericht umbenannt und heisst nunmehr „Diskriminierungsbericht“ anstelle von „Rassismusbericht“.

Die umfassende Analyse der jährlichen Diskriminierungsfälle in der Schweiz 2023 zeigt einen sprunghaften Anstieg der antisemitischen Vorfälle nach dem Angriff der Hamas und dem nachfolgenden Krieg in Gaza. Damit einher geht eine zunehmende Sichtbarkeit von allgemein diskriminierenden Taten und Hassreden. Die insgesamt 98 registrierten Vorfälle im Jahr 2023 stellen eine Zunahme um mehr als die Hälfte im Vergleich zum Vorjahr dar.

Was für Schlüsse daraus zu ziehen sind und welche Konzepte im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus helfen können sind im vollständigen Bericht inklusive Interview mit Hannan Salamat vom Zürcher Institut für interreligiösen Dialog (ZIID) und der dazugehörigen Medienmitteilung zu finden.

 

Diskriminierungsbericht 2023

Medienmitteilung Diskriminierungsbericht 2023

 

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